Ursache und Wirkung: Sind Finanzmärkte so einfach zu erklären?

'Höhere Gewinne, steigende Kurse ... seit 2012 sind es reale Gewinne, die für Kursfantasie im Biotech-Sektor sorgen.' (Focus Money, 35/2016). 'ElringKlinger meldet Gewinnsprung, Aktie steigt deutlich' (4investors, 09.05.2017), Trumps "phänomenale" Steuerpläne beflügeln den Dollar (Manager Magazin, 09.02.2017).

Diese Aussagen haben eines gemein. Sie gehen davon aus, dass sich Aktien und Finanzmärkte aufgrund einer einzigen entscheidenden Ursache bewegen. Ursache und Wirkung sind so miteinander verknüpft, dass die Ursache die Wirkung bestimmt. Aber kann man auf diese Weise Finanzmärkte erklären?

 

Die Schwächen von Ursache-Wirkung-Erklärungen

Manchmal führt das zu paradoxen Situationen, die eigentlich nicht zu erklären sind. Die Finanzmärkte fürchteten sich vor der Wahl Donalds Trumps zum Präsidenten. Und als er dann überraschend gewählt wurde, stiegen die Börsen. Paradox! Die Beschreibung durch Ursache und Wirkung hilft hier nicht wirklich weiter. Durch Paradoxien wird das Prinzip von Ursache und Wirkung sogar an seine Grenzen geführt. 

Häufig werden mehr als ein Grund für eine Börsenbewegung angeführt. Ein Modell der Faktoren für den Aktienmarkt könnte beispielsweise die folgenden Faktoren aufzählen. Neoliberale politische Rahmenbedingungen, niedrige Zinsen, viel Liquidität, positive Unternehmensgewinne sind die Faktoren, welche Aktienkursen steigen lassen. 

Hier ist diese Sichtweise als Abbildung zu sehen. 

Urache

 

In dieser, wie auch in vielen anderen Erklärungen von Börsenbewegungen, wird davon ausgegangen, dass die Börse aus mehreren Einzelfaktoren besteht. Sie müssen nur richtig zusammengesetzt werden, um Aktienmärkte zu erklären und zu prognostizieren. Aber auch hier bleibt das Ursache-Wirkungsprinzip erhalten. 

Was dabei vergessen wird: die Kursentwicklung selbst wird zu einem Faktor. Die positive Kursentwicklung wirkt sich positiv auf die Kursentwicklung aus. An der Börse sind solche Muster weithin bekannt. Steigt ein Kurs auf ein neues Hoch, ruft das weitere Käufer auf den Plan.

Hinzu kommt, dass gestiegene Aktienkurse den Unternehmen über Kapitalerhöhungen Geld in die Kasse spülen, was die Unternehmensgewinne weiter steigen lassen soll. Faktoren beeinflussen sich auch gegenseitig. Niedrige Zinsen führen zu erhöhter Liquidität, welche welche wiederum durch die Politik gefördert wird. Die Aufzählung ließe sich fortsetzen. 

Es kommt zu einem Netzwerk von Wechselbeziehungen, bei dem der Überblick vollständig verloren geht. Auch dazu eine Abbildung.

Erklärungen

Aufgrund der viel zu hohen Komplexität solcher Modelle greifen Menschen gerne auf einfache Ursache-Wirkung-Erklärungen zurück und treffen so Entscheidungen über Käufe und Verkäufe von Wertpapieren. Ich glaube nicht, dass Börse so einfach erklärbar und prognostzierbar ist. 

 

Systemisch - eine andere Sichtweise

Damit ergibt sich die Frage, ob es nicht grundsätzlich andere Erklärungsmodelle gibt, die nicht von einem einfachen Ursache-Wirkungs-Prinzip ausgehen? Die Antwort: Einfache Ursache-Wirkungs-Beschreibungen können durch systemtheoretische Erklärungen ersetzt werden. 

Systemtheoretische Ansätze betrachten ein System als Ganzes. Ein Aktienmarkt kann als System betrachtet werden. Es geht weniger um die einzelnen Elemente in einem System und mehr um wiederkehrende Muster und Strukturen eines Systems. Wichtig sind Fragen der Selbstorganisation von Systemen. Bezogen auf die Börse lässt sich also sagen. Es geht um Kursmuster von Aktienmärkten und die Behauptung, dass ein Aktienmarkt ein Eigenleben besitzt.

Und das ein Aktienmarkt ein Eigenleben besitzt mag der eine oder andere sicher schon vermutet haben. 'Der DAX lebt noch', 'DAX im Höhenrausch' oder 'der DAX hat einen Boden gefunden' sind immer wieder gern gewählte Börsenkommentare, die unterstellen, der DAX sei ein Wesen wie Du und ich. 

Wie systemtheoretische Ansätze auf Aktienmärkte angewandt werden können, werde ich in den nächsten Artikeln versuchen zu beschreiben. 

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