Lexikon

Fokussierungs-Verzerrung

Bei dieser Verzerrung1 wird die Aufmerksamkeit auf nur einen oder wenige Aspekte einer Situation gelenkt.

Vergleichbar mit einer Lupe liegt der Fokus auf einem vergrößertem Ausschnitt der Realität. Zugleich wird diesem Fokus eine besondere Wichtigkeit verliehen. Das bedeutet auch, dass viele andere Aspekte ausgeblendet und vernachlässigt werden. Die Illusion besteht darin, dass die Wirklichkeit nur äußerst begrenzt wahrgenommen wird.

Kahneman betont die Perspektive der Zeit2. Bei der Fokussierungs-Illusion fokussieren wir uns nur auf einen konzentrieren einen kurzen Zeitabschnitt und ignoriert alle Aspekte, die davor, in der Zukunft liegen und auf anderen Ebenen stattfinden. Die Fokussierungs-Illusion tritt auf  bei Ereignissen, Absichten bei Begründungen. Gerne fokussiert man sich auf eine Erklärung, obwohl man doch eigentlich weiß, dass weitere Faktoren eine Rolle spielen.

Kauft man eine Aktie aufgrund einmalig guter Unternehmenszahlen, so übergewichtet man diesen Faktor und lässt zugleich andere Faktoren wie die Branchen- und Konjunkturentwicklung oder zukünftige Ergebnisse außer Acht.

Und welcher Trader kennt nicht das Gefühl, dass man diesen Trade - ungeachtet der Risiken - jetzt unbedingt machen muss. Grundlage dafür ist meist nur die Fokussierung auf eine Idee. In Anlehnung an Kahneman lässt sich sagen3: Kein Trade ist so wichtig, wie man im Moment glaubt.

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1 ursprünglich Fokussierungs-Illusion, Kahneman (2012)
2 Kahneman (2012): Schnelles Denken - langsames Denken.
Nothing in life is quite as important as you think it is while you're thinking about it, Kahneman (2011)
 
 

Effekt der versunkenen Kosten

Versunkene Kosten (Sunk Cost) sind Kosten, die mit hoher Wahrscheinlichkeit verloren sind. Sie können nicht mehr zurückgeholt werden. Zu den Kosten gehören nicht nur objektive Werte wie Geld, sondern auch subjektive Merkmale wie investierte Zeit, Aufwand oder Emotionen. Der Versunkene-Kosten-Effekt besagt, dass Menschen in ihre Entscheidungen die verlorenen Kosten einfließen lassen. Daher neigen Menschen manchmal dazu, ein Projekt gerade dann fortzuführen,, wenn es nicht gut läuft.

Der Fehler kann bei Tradern und Anlegern gleichermaßen auftreten. Positionen, die schon viel weiter, als ursprünglich gedacht, gefallen sind, werden weiter gehalten. Die Begründung ist immer ähnlich: 'Ich habe schon so viel investiert und so lange gewartet. Wenn ich jetzt aussteige, was alles umsonst.'

Die mögliche Entscheidung auf die ‚versunkenen Kosten‘ zu verzichten, kommt einem Verlust gleich, weshalb weiter an hoffnungslosen Engagements festgehalten wird. Versunkene Kosten müssen einem nicht unbedingt bewusst sein. Sie werden gerne ignoriert und beeinflussen unsere Entscheidungen unbewusst.

Verfügbarkeitsheuristik

Die Verfügbarkeitsheuristik ist die Neigung von Anlegern und Tradern, Wahrscheinlichkeiten falsch einzuschätzen, wenn bestimmte Informationen im Gedächtnis leichter verfügbar sind als andere.

Anders gesagt: was einem einfacher in Gedächtnis kommt, wird auch als wahrscheinlicher eingeschätzt. Die Leichtigkeit des Zugriffs auf Gedächtnisinformationen sollte bei der Einschätzung von zukünftigen Ereignissen jedoch keine Rolle spielen.

Leichte Verfügbarkeit hängt von verschiedenen Faktoren ab. Wiederholte Meldungen in den Nachrichten erhöhen die Verfügbarkeit ebenso wie gute Laune und kurz zurückliegende Ereignisse. Auch eingängige Namen von Aktien sind für das Gedächtnis einfacher zu verarbeiten. In einer Studie von Börsengängen, zeigte sich, dass Unternehmen mit einem eingängigen Namen nicht nur höhere Anfangsrenditen beim Börsengang erzielten, sondern auch höhere Kurse in den ersten zehn Tagen nach dem Börsengang1. Die Verfügbarkeit hat also Einfluss auf Kauf- und Verkaufsentscheidungen von Händlern.

Würden sie gefragt werden, ob sie eher Rational oder Nemetschek kaufen würden, könnte allein der Name der Aktie einen Einfluss auf ihre Entscheidung haben.

 

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1 Pensa (2006): How company names influence short and long-run stock market performance

 

Anker-Effekt

Sind Händler mit einer Frage konfrontiert, zu der sie keine verlässlichen Informationen haben – was an der Börse häufig vorkommt – neigen sie dazu, sich auf einen Wert zu beziehen, der ihnen dabei hilft, diese Frage zu beantworten.

Wenn sie in einer kritischen Marktphase überlegen, wie tief der Dax fallen könnte, so hängt ihr Antwort auch davon ab, was sie gerade vorher gehört haben. Hat ein Trader vor kurzem gehört, dass der Markt auf 5.000 Punkte fallen könnte, so kann seine Einschätzung davon beeinflusst werden. Beispielsweise prognostiziert er dann einen Wert von 9.000 Punkten. Hat er jedoch gerade gehört, dass die nächste wichtige Unterstützung bei 12.000 Punkten liegt, so wird seine Einschätzung in der Regel höher als bei 9.000 Punkten liegen. 

Solche Einschätzungen spielen bei der Festlegung von Stopps eine Rolle, bei Ausstiegspunkten oder der Auswahl von Derivaten. Eine zuvor gehörte Zahl wird zum Anker der nicht nur Prognosen beeinflusst, sondern auch Entscheidungen. 

Das mag banal erscheinen, es gibt aber genügend Experimente, die belegen, dass der Anker-Effekt auch dann auftreten, wenn man sich eines Ankers nicht bewusst ist.

Der Ankereffekt ist eine Urteilsheuristik (Kahneman & Tversky, 1973), die im Ergebnis zu einer Verzerrung (Bias) führt.

Bestätigungsirrtum

Bei der Suche und der Interpretation von Informationen neigen Menschen dazu, die Informationen überzubewerten, welche der eigenen Meinung entsprechen und eine Entscheidung bestätigen.

Angenommen, ein Anleger hört in einem Interview, dass Aktie X ein aussichtsreiches Engagement sei. Seitdem ist er von dieser Aktie fasziniert. Nun will er jedoch noch weitere Informationen einholen. Wenn er jetzt nur noch Informationen sucht, die seine Meinung bestätigen, ist der Bestätigungsirrtum im Spiel. Überschriften wie 'Hier ist noch Luft nach oben' oder 'Zinsumfeld sorgt für Rückenwind' werden gerne in die Analyse aufgenommen. Andere Nachrichten werden ignoriert. Nach einigen Tagen kauft er die Aktie. Um seine Entscheidung gegenüber sich selbst zu rechtfertigen, werden wiederum nur Argumente wahrgenommen, die seine Entscheidung bestätigen.

Der Bestätigungsirrtum verstärkt auch die Tendenz zur Selbstüberschätzung.

Stellen wir Rationalität nicht infrage, handeln wir irrational

Um dem Begriff der Irrationalität näher zu kommen, hilft die Unterscheidung von subjektiver und objektiver Rationalität. Aber allein das Verständnis einer Bedeutung befreit uns nicht davon, Rationalität ständig zu hinterfragen. Auch um das Konzept der kognitiven Verzerrungen zu verstehen, ist es hilfreich, sich mit dem Konzept der Rationalität auseinanderzusetzen.

 

Behavioral Coaching

Die übersehene Anwendung verhaltensökonomischer Erkenntnisse in Coachingprozessen

Coaching und Behavioral Economics (Verhaltensökonomie) sind zwei Disziplinen, die traditionell keine Berührungspunkte aufweisen. Coaching ist eine Vorgehensweise, die auf psychologischen und systemischen Theorien aufbaut. Verhaltensökonomie ist eine Schule, die auf psychologischen Konzepten basiert und Antworten auf ökonomische Fragestellungen bereitstellt.

Behavioral Economics

Self-Serving-Bias

Die Neigung, Gewinne sich selbst zuzuschreiben und Verluste externen Ereignissen wie Marktbewegungen, besonderen Umständen oder dem Zufall.

Werden also zufällige Gewinne dem eigenen Können zugeschrieben, obwohl ein Trader einfach nur Glück hatte, so kann das zu Selbstüberschätzung führen und in der Folge zu riskanten und ursprünglich nicht geplanten Käufen. Der zufällige Erfolg verführt Menschen dazu, sich besondere Fähigkeiten bei der Vorhersage zuzuschreiben.

Beispiel: Aufgrund von charttechnischen Überlegungen wird ein Engagement eingegangen. Überraschend gibt nun das Unternehmen positive Quartalszahlen bekannt und der Kurs steigt. Das kann dazu führen, diesen Kursgewinn den eigenen Fähigkeiten zuzuschreiben, obwohl man die Aktien des Unternehmens aus ganz anderen Gründen gekauft hat.

auch Selbststtribution, selbstwertdienliche Attribution

 

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